Endlich war der lang erwartete „Tag X“ gekommen! Von meinem Taschengeld, das ich durch einen Nebenjob als Friedhofsgärtner ein wenig aufbessere, hatte ich mir im großen Elektronik-Markt einen noch größeren AV-Receiver gekauft, der jetzt – so stand es schwarz auf weiß auf einer vornehm gestalteten Benachrichtigung mit Stempel und allem Pipapo geschrieben – „abholbereit“ war.

Dem Urinstinkt des Jägers und Sammlers folgend, wollte ich sogleich los spurten, besann mich dann aber auf Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts und sprach zu mir selbst wie folgt: „Ruf dort erst einmal an, verkünde dein baldiges Erscheinen und erkläre präzise, worum es geht! Alle Leute, die keine Friedhofsgärtner sind, haben furchtbar Stress, da können Hinz oder Kunz oder du nicht einfach so reinplatzen und alles durcheinander bringen. Depp!

Engel bringt selbst Friedhofsgärtner ins Wanken

Das hatte gesessen. Ich setzte mich ebenfalls und nahm in Echtzeit mit dem Unternehmen fernmündlich Kontakt auf. Ich nahm mir vor, nichts als Fakten zu schildern. Ging allerdings voll in die Hose, weil ein Engel dazwischen kam. Eine den Gehörgängen schmeichelnde, liebevolle, zärtliche, junge Damenstimme hauchte mir ins Ohr: „Einen wunderschönen guten Tag wünscht Ihnen der große Elektronik-Markt. Mein Name ist Janine, was kann ich für Sie tun?“

Ich war geplättet. Als Friedhofsgärtner werde ich selten direkt von lebenden Personen angesprochen. Falls doch, erschrecke ich mich in meiner Oase der Stille und Einkehr immer furchtbar und bin in der Regel gezwungen, mich aus dem Stegreif mit keifenden alten Weibern herum zu streiten, die mir die Schuld daran geben, dass zu wenige öffentliche Gießkannen vorhanden sind.

Meistens enden hitzige Wortgefechte mit einem Wutanfall meinerseits: „Was glauben Sie eigentlich, wen Sie hier anbrüllen, Frau? Sie parlieren gewissermaßen nicht mit Hein Blöd, sondern mit Käpt´n Blaubär höchstpersönlich! Ich bin der Chef hier, habe 3000 Leute unter mir, von denen sich niemand so aufführt wie Sie! Sollten Sie sich nicht auf der Stelle beruhigen, gehören Sie wahrscheinlich sehr bald zu meinem Team!“

Die befremdliche Wirkung von zu viel Freundlichkeit

Dann kehrt in aller Regel wieder Ruhe ein und ich studiere, auf eine Schaufel gestützt, das fleißige Bienenvolk. Sie ahnen bereits, dass ich auf freundliche Ansprachen süßlich säuselnder Damen eher befremdlich reagiere, denn so etwas kenne ich nicht.

„Ja, Grüß Gott, äh, hier ist der Dings, der – also ich bin der Kunde und wollte bloß sagen, dass ich komme und dass ich dann meinen Rasierer, äh, Receiver, Sie wissen schon, den wo ich mir gekauft, bzw. käuflich erworben habe, ähm, also, dass ich halt kämen tun würde um Sie, Quatsch: ihn mitzunehmen, falls es Ihnen keine Umstände machen täte und ich wollte nur vorher anrufen, damit Sie Bescheid wissen und ich Ihnen nicht alles von vorn…“

„Danke für Ihre Information. Wir freuen uns sehr auf Ihren Besuch. Bis dahin eine gute Zeit, Tschühüss!“ Völlig perplex bellte ich noch „Tschühüss Janine“ in mein Handy, aber da hatte die Gute schon längst aufgelegt. Urplötzlich fühlte ich Schmetterlinge im Bauch wie der olle Grölemeyer.

Lästiges Insekt im feinen Zwirn

Meine Frau wunderte sich nicht schlecht, als ich im Schlafzimmer vor dem Spiegel stand und meinen feinsten Anzug, der seit Jahren im Schrank vergammelt, heraus kramte, um mich in dieses kratzige Biest, hinein zu zwängen, das ich hasse wie die Pest und eigentlich erst wieder anlässlich meiner eigenen Beerdigung tragen wollte.

„Typisch Frau!“, knurrte ich. „Den hast Du ja wieder mal viel zu heiß gewaschen. Vorn am Bauch und hinten am Ende des Rückgrates zwickt und zwackt alles“. Amüsiert kichernd drehte sich das listige Eheweib um, bemerkte zu allem Überfluss, dass Anzüge nicht gewaschen, sondern gereinigt werden und dass sie dicke Menschen sympathisch findet.

Vor dem Eingang zum Kundencenter des Elektronik-Marktes dann die alte Prozedur. Bauch einziehen, Brust raus, Kopf hoch und so breitbeinig und cool wie möglich eintreten. Hätte ich mir schenken können. Ich wurde wahrgenommen wie ein lästiges Insekt, die Bude war brechend voll.

Die Führungskraft bei der Anmeldung

Führungskräfte und Friedhofsgärtner profilieren sich, indem sie solche Nebensächlichkeiten ausblenden und mit Witz und Charme zur Sache kommen. Am Pult unter dem Schild „Anmeldung“ stand eine recht bunt tätowierte, üppig gepiercte Angestellte, die mich keines Blickes würdigte, während ich vorstellig wurde. Sie beherrschte die große Kunst des nuschelnden Sprechens in Kombination mit der Erzeugung von grandiosen Kaugummi-Blasen perfekt.

Ich nahm mir vor, erst einmal „das Eis zu brechen“. Wir Manager-Typen trainieren das in Workshops. Mit interessanten persönlichen Geschichten weckt man die Aufmerksamkeit fremder Menschen und gibt ihnen das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Muss man natürlich lässig verpacken, sonst haut es nicht hin.

Der Tragödie erster Teil

„Hello, Lady! Hab euren Laden gerade kurz angefunkt und alles geklärt. Will nur mein neues Baby abholen, you know? Unter uns: ich hab mir von meinem kargen Salär (an dieser Stelle unbedingt ein Auge verschwörerisch zukneifen) als Landschafts-Architekt und CEO eines Senioren-Relax-Centers mit mehr als 3000 begeisterten, langjährigen Stammkunden was Feines gegönnt…“

„Also Abholung?“

„Hä?“

„Na Sie wollen doch was abholen, oder?“ 

Zum ersten Mal sah mich Madame direkt an und verdrehte die Augäpfel genervt nach oben. Dorthin, wo bei den meisten Menschen die Gehirnregion beginnt.

„Was? Doch! Ja. Stimmt..“

„Zettel?“

„Wie meinen?“

„O.K. – zum Mitschreiben: Sie haben eine Benachrichtigung gekriegt…“

„Yo! Jetzt blick ich durch – Sie meinen DEN Zettel hier. Sorry, der Stress.“

Das akustische Universal-Kommando „Ey!“

Blitzschnell schnappte sich die Göre mit spitzen Fingern mein sorgsam gehegtes Schriftstück, schlurfte zu einer Art Durchreiche und schrie in das dahinter befindliche Lager: „Ey!“ Natürlich viel lauter. So „Ey!“

Herangeschlurft kam ein absolut unmotivierter, irgendwie erloschen dreinblickender Bursche von etwa 20 Jahren, der mit halb geschlossenen Augen einen Blick auf das Dokument warf und sogleich stöhnte. „Oh my God! 20 Kilo! Ey!

Diesmal galt das akustische Universal-Kommando „Ey“ einem Kollegen, der in einer Ecke lümmelte und sichtlich bemüht war, sich verletzungsfrei einen Döner einzuverleiben. Sein Mund war mit Soße verschmiert, er brummte „Mmmpf“ und schlurfte dem Oberschlurf mit hängenden Schultern hinterher.

„Kann nen Moment dauern“, warnte mich die kunterbunte Kaugummi-Artistin, während sie zu einem leeren Stuhl glotzte, was übersetzt wohl „nehmen Sie doch bitte Platz“ heißen sollte.

Grandioses Finale ohne Paukenschlag

Resigniert sank ich in das betagte Möbel und stellte mich auf eine lange Periode des Hoffens und Bangens ein.

Geschickt im Raum verteilt hockten Schicksalsgenossen, die längst von der üblen Laune des Personals infiziert waren. Niemand sprach laut, man vernahm nur gereiztes, gedämpftes Geflüster und Getuschel, vereinzelt räusperten sich aus kurzem Schlummer erwachte Personen.

Niemand schrie „Ey!“, Schlurfi und Mampfi schienen zwischen endlosen Regalen das Zeitliche gesegnet zu haben. Dann läutete das Telefon und mich traf fast der Schlag! Die Hexe vom Empfang ließ vitale Lebenszeichen erkennen, hob ab und meldete sich im engelsgleichen Singsang: „Einen wunderschönen guten Tag wünscht Ihnen der große Elektronik-Markt. Mein Name ist Janine. Was kann ich für Sie tun?“