Denon baut also seinen ersten Stereo-Netzwerk-Receiver. Tolle Sache. Wenn man das Datenblatt so studiert, staunt man nicht schlecht über all die feinen Zutaten, die die Japaner dem Modell DR 800 spendierten! DAB+ Tuner an Bord, die ganze Palette Hi-Res Audio-Formate abrufbar, sozusagen unbegrenztes Streaming, Phono-Eingang, HEOS-Multiroom-Technologie, WLAN, ein fetter Transistor und zwei potente Endstufen – da kann der Stereo-Fan nicht meckern.

Ich sage ausdrücklich Stereo-Fan und meine damit den Musikliebhaber. Spräche ich von Filmfans, die sich eine moderne Multimedia-Schaltzentrale erhoffen und geblendet von der üppigen 4K-HDMI-Eingangs-Armada mit eben diesem neuen Denon liebäugeln, riefe ich aus voller Brust „Finger weg“. Denn obgleich der Netzwerk-Receiver Videosignale opulent zu verarbeiten in der Lage ist, fehlen ihm grundsätzliche Voraussetzungen zur Erzeugung von Heimkino-Atmosphäre gänzlich.

Verwirrende Politik

Zwei Kanäle taugen nun mal nicht für Dolby-Digital oder DTS. Von den immersiven Klangverfahren Dolby Atmos oder DTX:X ganz zu schweigen. Mit zwei Kanälen kann man zwei Lautsprecher ansteuern. Den rechten und den linken. Sitzt man davor vorschriftsmäßig mittig im Stereo-Dreieck, hört man famos und neigt zum Schmelzen. Auch ein Fernseh-Spielfilm oder eine DVD/Blu-ray klingen wesentlich voluminöser, Surround-Effekte wird man aber vergeblich zu orten versuchen.

Bei einem renommierten Hersteller wie Denon wundert man sich schon ein wenig über diese verwirrende „Politik“. Garstig ausgedrückt: So ein Zwitter wie der DR 800 ist in gewisser Weise überflüssig. Sollen sie halt einfach Zweikanal-Netzwerk-Receiver ohne überflüssigen Schnickschnack für klassische Musikliebhaber bauen und weiterhin mit ihren formidablen Mehrkanal-AV-Receivern für 5.2, 7.2, 9.2 oder gar 11.2-Setups Home-Cinema-Freaks die Zähne lang machen. Jeder wüsste Bescheid, Enttäuschungen blieben erspart.

Salonfähiges Nonplus-Ultra?

Überhaupt ist es auffällig, dass in Fachkreisen in jüngster Zeit praktisch nur noch „reines Stereo“ als salonfähiges Nonplus-Ultra gepriesen wird. Wo man auch hin sieht, wieviele Fachzeitschriften man auch durchblättert – überall sprießen kleine und kleinste Manufakturen aus dem Boden, deren Inhaber von der Absicht beseelt scheinen, karg ausgestattetes Stereo-Equipment zu teilweise horrenden Preisen verhökern zu wollen.

Traut man ehrwürdigen Herstellern, die seit Jahrzehnten immer wieder neue, immer wieder verbesserte Geräte aus dem Sektor Unterhaltungselektronik auf den Markt bringen, plötzlich nicht mehr zu, in der obersten High-End-Liga mitzuspielen? Zurückhaltend und höflich ausgedrückt wäre das eine meineidige Hurensauerei! (Entschuldigung).

Ehrgeizig oder großkotzig?

Was wäre die HiFi-Welt ohne Sony, Marantz, Pioneer, Onkyo, Yamaha oder auch Denon? Wieso gelten Geräte von Accuphase, Luxman, Cambridge oder McIntosh selbst noch nach Jahrzehnten als einzigartige Bausteine hochwertiger Anlagen? Nichts gegen pfiffige Start-Ups und frisches Blut in der Szene, aber es mutet sehr oft übertrieben ehrgeizig, um nicht zu sagen großkotzig an, was da für vergleichsweise bescheidene Verstärker, Receiver, Netzwerkplayer oder eigentlich schon vorsintflutliche CD-Player verlangt wird.

Gibt es tatsächlich eine Heerschar enthuastischer, gutgläubiger und stinkreicher Normal-Verbraucher, die nicht mit der Wimper zucken und rudimentär ausgestattete Anlagen – etwa CD-Player plus Vollverstärker, günstigstenfalls sogar mit Boxen – zu Preisen von 40.000 Euro aufwärts kaufen? Denen Plattenspieler für 25.000 Euro (ohne Tonarm und Tonabnehmer) nicht zu teuer sind? Die gerne 5000 Euro oder mehr für Netz-, Lautsprecher- oder HDMI-Kabel hinlegen?

Die Frevler der Fachzeitschriften

Ich weigere mich, mir das plausibel erscheinen zu lassen. Und ich hege fürchterlichen Groll gegen Redaktionen von Fachzeitschriften wie Audio oder Stereoplay, die seit geraumer Zeit die Sparte Mehrkanal AV-Receiver aus ihren Bestenlisten verbannt haben. Einfach gestrichen. Als hätte es die Dinger nie gegeben oder sie wären plötzlich „bäh“ in den erlauchten Reihen reinrassiger Vinyl- und versnobter Stereofreunde.

Welcher Makel soll soliden Heimkino-Receivern denn anhaften? Sie sind aus gutem Hause, verfügen über fünf, sieben, neun oder elf Endstufen für ebenso viele Schallwandler und bieten zusätzlich Anschlüsse für zwei Subwoofer. Die Verstärkertechnik ist in der Spitzenklasse genauso hochwertig wie bei Zweikanal-Amps, es gibt „pure-Audio“ Schaltungen, die Tonsignale unbehandelt direkt an die Endverstärker weiterleiten, wer auf teils pompösen Schnickschnack von Raumklang-Prozessoren verzichten will, schaltet einfach auf Stereo, Dolby oder DTS.

Sind noch Steigerungen möglich?

Im Laufe der Jahrhunderte, die ich nun auf Erden lustwandele, nannte ich Unmengen zauberhafter Exemplare mein eigen. Ganz früher eine Sanyo-Kompaktanlage, dann einen Sony-Stereo-Turm, Verstärker, Plattenspieler, Cassettendecks, CD, DVD- und Blu-Ray Player von Philips, Panasonic, Technics, JVC und Rotel sowie Mehrkanal-Receiver von Yamaha, Onkyo und Pioneer. Jedes Gerät war besser als sein Vorgänger und nun, in Zeiten von Streaming und Hi-Res-Audio, kann ich mir beim besten Willen keine Steigerung mehr vorstellen.

Es sei denn, es wüchsen mir fabrikneue Ohren. Am besten drei oder vier wegen Dolby Atmos und so. Wer sich mit den serienmäßigen zwei Lauschern zufrieden gibt, mag das gesparte Geld in seine antiquierte Stereo-Anlage stecken und das Grammophon anwerfen…