In letzter Zeit werden meine Träume immer hochauflösender. Kann ich nix gegen machen. Wahrscheinlich so eine Art Berufskrankheit in einem Job, in dem man ständig hightechmäßig berieselt wird. Weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken könnte.

Nicht nur, dass ich von meinem Erbsenhirn längst mit merkwürdigen Streifen in Ultra-HD mit Einer-Milliarde-und-Einer-Farbe, HDR und allem Pipapo beliefert werde und nach Aussagen meiner geplagten Frau Schnarch-Soundtracks in Dolby-Atmos fabriziere, nein, langsam gesellt sich auch eine Art Angst-Erkrankung dazu. Sozusagen der Horror-Faktor beim nächtlichen Synapsen-Fasching. Ich sage es, wie es ist: mir gruselt es vor 8K!

Bevor mein Chef jetzt zum Knüppel greift, um mir Linientreue einzubläuen, muss ich das erklären. Neulich lief im Fernsehen eine Reportage, in der es darum ging, wie Menschen in naher Zukunft wohl leben werden. „Vielleicht gar nicht mehr, wenn der Trampel Donald Präsident der Vereinigten Staaten wird“ war der erste Gedanke, der mir alten Spaßvogel durch den Kopf schoss. Ich ermahnte mich selbst zu sachlicherer Herangehensweise an ein seriöses Thema und kam nach kurzer Beratung mit mir dahingehend überein, dass es ganz bestimmt verdammt viel enger werden wird auf diesem Planeten, wenn sich die Menschheit weiterhin so furchtbar fruchtbar vermehrt.

Der erste Eindruck war nicht der Beste

Ergo wird jedes einzelne Individuum Opfer bringen und mit weniger Privatsphäre auskommen müssen – ist doch logisch. Kleinere Häuser und Wohnungen haben kleinere Zimmer und da es – sagen wir mal im Jahr 2050 – bestimmt locker 16K-Fernsehen geben wird, gerät der bis jetzt noch sehr beliebte Aufenthalt vor der eigenen Mattscheibe meinen inzwischen gereiften Erkenntnissen zufolge zur Geisterbahnfahrt.

Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich mir vor zehn Jahren den ersten „HD-Ready“-TV von Panasonic kaufte. 2000 Euro wollten kaltblütige Halunken aus dem organisierten Einzelhandel dafür haben, doch ich biss heiter in den sauren Apfel, um fortan die süßen Früchte des Pantoffel-Kinos in einer ganz neuen Dimension genießen zu können.

Mit meiner Hackfresse darf ich mir gewiss kein negatives Urteil über andere Leute erlauben und das ist mir auch noch nie, oder sagen wir: selten, passiert. Aber ich schwör: das Erste, was mir im Ersten auffiel, waren runzelige, faltige Moderatorinnen oder Moderatoren, deren in Ehren gealterte Gesichtslandschaften von dilettantischen Maskenbildnern zugepudert, grell geschminkt – ach was: gekittet und übertüncht worden waren. Aus dem mir im Gedächtnis verankerten Material könnte man heute noch einen prima Trailer für „The Walking Dead“ oder anderen Zombie-Mist schnitzen!

Obwohl Full-HD noch in den Kinderschuhen steckte, malte ich mir aus, dass die Glotze der Zukunft nie mehr das sein wird, was sie einmal war. Die Zeit der großen Illusionen schien vorbei, die letzten Masken fielen, Leinwand-Helden und Hollywood-Göttinnen wurden mehr und mehr entstaubt und büßten im gnadenlosen HD-Look viel von ihrem magischen Glanz ein. Mit HDTV hatten Techniker und Ingenieure die Büchse der Pandora geöffnet. Das Damokles-Schwert, das seit diesem Moment über ihren Köpfen baumelt, ist zweischneidig, denn wie immer liegen Pein und Verzückung nah beieinander.

Es lebe der Sport!

Wir sind längst im Blu-Ray- und 4K-Zeitalter angelangt, auf dem Sprung zur Ultra-Blu Ray-Epoche. Wir wissen, dass selbst Österreichs ewige Kaiserin „Sissi“ rein optisch so makellos nun auch wieder nicht war und lange vor der Einführung der Autobahn-Maut wusste, was ein „Pickerl“ ist. „Winnetou“, der knallharte Apache, wies krasse Schminkspuren auf wie sehr viel später der lauwarme Abahachi im „Schuh des Manitu“. Clint Eastwood bleibt sich treu und beeindruckt konsequent mit Grand-Canyon-Gesichtszügen. Falls wir mal richtig brutal erschrecken wollen, ziehen wir uns Reality-Soaps mit Hartz-IV-Charme auf RTL II rein.

Wer aber ist seit Full-HD ganz sicher verzückt? Ausnahmslos jeder, der ein Fan vom Runden ist, das ins Eckige muss. „Wat juckt dat unser Omma“, fragt sich der Ruhrpott-Kumpel, „wenn auf Schalke de Jungs schwarte Flecken auffe Trikkos ham, auffen Platz spucken tun und man dat im Fernsehn sehen tut“? Gar nicht, genau. Je detaillierter der Funkenflug beim Aufsetzen des Auspuffs auf eine Bodenwelle rüberkommt, desto mehr Krombacher kippt sich der Formel-1-Fan im Freudentaumel hinter die Binde. Je brillanter halsbrecherische Stunts in Action-Filmen auf dem Flatscreen aufgedröselt werden, desto höher Adrenalinspiegel und Blutdruck des faszinierten Betrachters.

Freunde des Breitensports und Cineasten, die sich längst an den neuen Look aktiver und passiver Schauspieler bzw. Sportler gewöhnt haben, werden sich also gewiss über weitere hochauflösende Fortschritte freuen und wer weiß, dass man selbst beim jetzigen Stand der Technik den guten alten 35-Millimeter-Film in puncto Detailreichtum noch nicht überholt hat, bleibt erst mal gelassen.

Das komische Kästchen links im Bild ist das Herz der RED-Kameras.

Das komische Kästchen links im Bild ist das Herz der RED-Kameras.

Doch es gibt auch verstörende Nachrichten. Die Entscheidung des „Herr der Ringe“-Regisseurs Peter Jackson, die „Hobbit“-Trilogie komplett mit modernsten digitalen Kinokameras und mit 48 Bildern pro Sekunde zu drehen, wird ihm im Nachhinein selbst von zahlreichen echten „Freaks“, waschechten „Die-Hard-Fans“, übel genommen. Die fast schon schonungslos brutal zu nennende Auflösung, die klinisch steril wirkenden Aufnahmen hätten den gewohnten „Filmlook“ ruiniert, hieß es in vielen Foren und Artikeln.

Es gab auch wesentlich deutlichere Worte. Die in HFR (High-Frame-Rate) gedrehten Tolstoi-Epen sähen aus wie billige TV-Produktionen, teils schlimmer als mit VHS-Kameras aus den 1990er-Jahren gemacht. Ausgefranste Konturen wurden bemäkelt, selbst „unschöne Unschärfenbereiche“ sorgten bei Ästheten für Verdruss.

Peter Jackson wollte die Fans verwöhnen

Dabei hatte es Jackson nur gut gemeint. Wollte seine Fans verwöhnen. Um Nägel mit Köpfen zu machen, kaufte er 48 Digitale Kinokameras der innovativen amerikanischen Firma RED zum Stückpreis von ungefähr 60000 Dollar (natürlich ohne Objektiv). Die technischen Daten zum Beispiel der RED Epic waren und sind beeindruckend. Die native Auflösung des CMOS-Sensors beträgt 5120 x 2700 Pixel, was in der „Kinosprache“ 5K entspricht. Bis zu 60 Bilder pro Sekunde sind mit der unscheinbaren Kiste möglich, die erst mit angesetztem Objektiv und aufgepflanztem Sucher wie eine Kamera aussieht. Da der Sensor in etwa der Größe des analogen Filmbilds beim 35-Millimeter-Film entspricht, konnten und können normale Optiken und Zooms verwendet werden.

Mittlerweile ist der „Hobbit“ längst abgedreht, in den Kinos gelaufen und als Blu-Ray auch im 3D-Format erhältlich. Bei RED hat man sich selbstverständlich nicht auf Lorbeer gebettet und ausgeruht, sondern weiter konstruiert, getüftelt und optimiert. Die Epic ist Geschichte, Weapon die neue Waffe (wie sinnig!). Ein Blick in die Pressemappe: „Durch Nutzen des preisgekrönten 6K RED DRAGON®-Sensors wurde die WEAPON von Grund auf entwickelt, um optimale Leistungen für das intuitivste Kameraerlebnis zu bieten, das möglich ist (…). Besitzer einer Kohlefaser-WEAPON haben außerdem die Option, ihren aktuellen 6K-Sensor auf den 8K-Sensor hochzurüsten, sobald dieser verfügbar ist“.

Die Sehgewohnheiten des Zuschauers werden nicht verändert, da man – wie gesagt – auf gebräuchliche Brennweiten setzt. Die Bildinformationen jedoch, die das Auge mit stoischer Ruhe aufnimmt und das Gehirn hektisch zusammenpuzzelt, wirken auf viele Menschen wie Fremdkörper. „Don´t ham up“ – „Übertreibe es nicht“ hört man in der Traumfabrik Hollywood des öfteren alte Hasen junge Kollegen ermahnen.

Selbst absolute Top-Regisseure wie James Cameron, Steven Spielberg, George Lucas oder eben Peter Jackson, die mit riesigen Budgets keine Probleme haben, dosieren nach ursprünglich begeisterter Zustimmung den Einsatz absoluter High-Tech gezielt und sparsam, um das Publikum, das ihre künstlerische Handschrift schätzt und liebt, nicht zu vergraulen.

Wie groß müsste 8K-Display mindestens sein?

Und genau das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass es mir vor 8K gruselt. Bei aller Euphorie für spezifische Fortschritte muss man sich auf eine unter anderem von Schleckermäulchen Dr. Hannibal Lecter im „Schweigen der Lämmer“ favorisierte Frage besinnen: Cui bono est? Wem nützt es? Wissenschaftlern mit Sicherheit, Medizinern ganz bestimmt – also ab ins Labor mit den neuen Camcordern und Monitoren. Otto Normalverbraucher wird mit der Hyper-Auflösung nicht viel anfangen können. Der entscheidende Vorteil eines 4K-TVs gegenüber einem Full-HD-Gerät ist, dass man den Betrachtungsabstand quasi halbieren kann und etwa einen Flatscreen mit zwei Metern Diagonale problemlos in ein durchschnittlich großes Wohnzimmer integrieren kann.

Wie riesig müsste ein 8K-Display sein, um seine Trümpfe auszuspielen? Vier Meter Diagonale? Kennt ihr Leute, die sich so ein Monster holen würden? Und was würde das Ding kosten? Dass man auf der IFA in Berlin ein „Ultra-Ultra-Display“ marktschreierisch in die Mitte stellt, halte ich für ein ganz falsches Signal. Welche Investoren, welche Sende-Anstalten will man für die Ausstrahlung von 4K-Content sensibilisieren, wenn man ihnen gleichzeitig signalisiert, dass Ultra-HD im Prinzip schon wieder ein alter Hut ist?

Models, die gehen UND sprechen können?

Und wo will man faltenlose, immer wie aus dem Ei gepellt wirkende Moderatoren hernehmen, die aussehen wie Top-Models, nicht nur gehen, sondern auch fehlerfrei sprechen können, vom Teint her selbst ungeschminkt 8K-tauglich sind UND über überdurchschnittlich hohe Intelligenz verfügen? Da wird’s eng! Die Geister, die man rief, rächen sich für die Ruhestörung. Das Volk der Zukunft wird murren und sich nach der guten alten Patina im Fernsehen und im Kino sehnen, die die Fantasie anregte und freie Interpretationen zuließ.

Tagträumer oder Realist? Diese Frage lässt sich ganz schnell beantworten. Wer sich liebend gern Zusatzmaterial und „Making Ofs“ ansieht, wem es nichts ausmacht, zu wissen, dass Han Solos Milleniumfalke in Wirklichkeit nur so ein Styropor-Dings ist und X-Wing-Fighter gar nicht fliegen könnten, mag stolz auf seinen nüchternen Verstand sein.

Ich will solche Sachen gar nicht wissen und bekenne mich freimütig zum Fantasten. Obgleich ich schon eine furchtbare Erfahrung machen musste. Na gut – euch kann ich es ja erzählen, aber ihr dürft nix weitersagen: E.T. gibt es gar nicht! Nein! Der ist ausgestopft! Mit einer kleinwüchsigen Schauspielerin! Ich glaube, heute träume ich wieder schlecht…