Ich weiß nicht, ob es noch zeitgemäß ist, wenn man Fernseh- und Filmabende mit Freizeit, Ruhe, Entspannung und Regeneration assoziiert. Es mehren sich Zweifel, seit ich auf digitalfernsehen.de einen sehr interessanten Artikel gelesen habe, der mit der Überschrift „Zu großes Angebot: Neuer Trend Speed-Watching“ überschrieben war.

Ehrlich gesagt, stand ich zunächst ganz schön auf dem Schlauch. Speed-Watching? Was sollte das sein? Speed-Dating geisterte noch irgendwie ganz hinten in meinen Gehirnwindungen herum. Das ist doch dieser Quatsch, bei dem man angeblich innerhalb von wenigen Minuten den Partner/die Partnerin für´s Leben finden können soll. Glaub ich nicht.

Im Schnelldurchlauf durch Serien

Speed Watching musste demnach auch etwas mit schnellem Hinschauen zu tun haben – aber so krass hätte ich mir das nicht vorgestellt. Ich darf kurz aus dem Artikel von Johannes Schmitt-Tegge zitieren: „Die Auswahl an Serien und Filmen gerade bei den Streaming-Diensten ist riesig und wird nahezu wöchentlich erweitert. Um den Anschluss nicht zu verlieren setzen immer mehr Zuschauer auf „Speed Watching“ – Fernsehen in doppelter Geschwindigkeit“.

Wie ich beim Weiterlesen erfahren habe, gibt es da draußen tatsächlich nicht wenige Menschen, die mit dem Glotzen nicht mehr nachkommen. Serien-Fans, die sich sowohl für die „Gilmore Girls“ und „Westworld“, als auch für „Game Of Thrones“, „Fear the Walking Dead“ und „The Big Bang Theory“ begeistern, keinesfalls aber „The Man in the High Castle“, „Frontier“ oder „House of Cards“ missen möchten, werden von Anbietern wie HBO, CBS, Fox, Netflix, Amazon und Maxdome in die Enge getrieben und mit Streaming-Content „bombardiert“.

Wirklich alles für die Katz?

Sie resignieren mit riesiger Freude, schalten beim Konsumieren einfach auf doppelte oder noch höhere Wiedergabe-Geschwindigkeit und blenden Untertitel ein, um halbwegs auf dem Laufenden zu bleiben, damit sie „mitreden“ können.

Mich befiel eine tiefe Traurigkeit. Ich musste an Schauspieler denken, die sich viel Mühe geben, in ihrem Beruf zu glänzen. An Maskenbildner, die sie aufwändig schminken, an Beleuchter, die sie perfekt ins Bild setzen, an Kamera-Männer, die aus allen möglichen Perspektiven „schießen“ und an Regisseure, die sich den Kopf zerbrechen, um die Zuschauer mit möglichst fantasievollen, technisch aufwändigen Inszenierungen von Filmen und Serien zu begeistern. Fazit: Alles für die Katz´!

Eine weitere Form der Dekadenz

Ich spann den Faden weiter. Warum, so fragte ich mich, werden überhaupt Fernsehgeräte hergestellt, die hochauflösende Bilder in zig Millionen Farben zu liefern in der Lage sind, wenn sie dann im Zeitraffer-Modus „missbraucht“ werden. Und ich kam zu dem Schluss, dass Speed Watching nichts anderes als eine weitere Form der auch im 21. Jahrhundert ausschweifenden Dekadenz sein kann.

Musste ich mich bislang lediglich über stinkreiche Hornochsen ärgern, die Champagner lieber verspritzen als – pardon – saufen, über „Feinschmecker“, die es als Gipfel des Genusses ansehen, wenn sie maßlos überteuerte Spezialitäten mit reinem Blattgold „würzen“, über degenerierte Teilnehmer an Wettfress-Orgien, aufgeblasene Mode-Gecken, verwöhnte Ziegen, arrogante Berufs-Söhne und -Töchter, die Vermögen verprassen, ohne jemals einen Cent selbst verdient zu haben, kamen jetzt noch Turbo-Konsumenten-Deppen dazu, deren dumpfbackiges Credo lautet „Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken“.

Bin ich zu doof und unflexibel?

Andererseits: Warum rege ich mich auf? Wird das etwas ändern? Bestimmt nicht. Vielleicht bin ich ja der Doofe, der zu unflexibel ist, um zeitgemäß zu leben und zu genießen? Wundern würde es mich keinesfalls. Ich hab ja noch nicht einmal ein Smart-Phone! Also halt die Klappe, alter Mann und denk daran: Nichts ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder meint, er hat genug davon.