Bisher musste ich immer kichern, wenn am Sonntag der Tatort-Vorspann abgelaufen war und der Krimi begann. Nicht, weil ich bei grausamen Morden großen Spaß empfinde, sondern weil quasi synchron zur ersten Kamera-Einstellung die Aufforderung „Jetzt live ermitteln“ aufpoppte.

Ich stellte es mir einfach lustig vor, dass es da draußen tatsächlich den einen oder anderen verblendeten Menschen geben sollte, der meint, nach drei oder fünf Minuten seinen persönlichen Senf abgeben zu müssen, damit er mit einem richtigen Täter-Tipp den Drehbuch-Autoren ihre dünne Story sozusagen um die Ohren haut.

Plötzlich ist Fernsehen nicht mehr genug

Dann bekam ich die neueste Ausgabe des Magazins Info Digital in die Finger und musste erneut feststellen, dass ich nicht mehr auf der Höhe der Zeit bin. Überschrift des überaus lesenswerten Artikels von Jochen Wieloch: „Wenn Fernsehen nicht genug ist: Das Phänomen Second Screen“. Hä?

Ich erlaube mir ein Zitat: „Laufen Krimis oder Quiz-Shows im Fernsehen, haben Smartphone, Tablet und Notebook immer seltener Pause. Nebenbei die richtige Antwort googeln, in der Vita eines Schauspielers schmökern, einen Kommentar zur Sendung posten oder sich mit der besten Freundin per Messenger über den neuen Seriendarsteller austauschen – Second Screen macht es möglich“.

Warum kann ich das schon wieder nicht?

Ich stand auf, begab mich mit eiligen Schritten ins Badezimmer, stellte mich so aufrecht wie möglich vor den Spiegel und schrie mich an: „Warum kannst du das schon wieder auch nicht?“ In diesem Moment schaltete mein Gehirn vollautomatisch auf Notstrom um; statt einer schneidigen Antwort tröpfelten nur bayerische Sprach-Fragmente wie „ja mei!“, „weil´s a Krampf is“ sowie ein verzagtes „weil des niemand nie ned braucht“ durch die verkalkten Synapsen.

Ganz klarer Fall: ich mutiere zum Außenseiter. Zum merkwürdigen Sonderling, der gebannt wie der Hund vor der Metzgerei vor seinem Fernseher hockt und ausschließlich fern sieht, weil er mehr zu leisten keinesfalls in der Lage ist. Hört mir bloß auf mit Multitasking!

Multitasking ist ein billiger Jahrmarkt-Trick

Wer behauptet, dass so etwas funktioniert? Dass der Mensch sich auf zwei oder drei Aufgaben gleichzeitig konzentrieren und diese dann auch noch souverän und fehlerlos bewältigen kann? Meiner Meinung nach handelt es sich bei der gelegentlichen öffentlichen Zurschaustellung solcher Fähigkeiten um billige Jahrmarkt-Tricks. Wie gemacht für Sender vom Kaliber RTL II.

Wenn ich in der Schule beim Mathematik-Unterricht zufällig gerade nicht an Mathematik dachte (was der Mathematik-Lehrer an meinem entspannten Gesichtsausdruck abgelesen haben musste), wurde ich nicht einmal in die Nähe eines Genies gerückt. Man warf mir – im Gegenteil – unschöne Ausdrücke wie Schnarchzapfen, Tagträumer oder Traumtänzer an den Kopf.

Der Champ mit drei Mattscheiben vor der Nase

Und heute bist du auf einmal der Champ, wenn du mit dem kleinen Handy-Display vor der Nase vor der großen Mattscheibe hockst und gleichzeitig noch im Internet recherchierst, ob der FC-Bayern absteigt? So etwas kann nicht gut gehen! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, auf drei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen.

Da gebe ich nachträglich zähneknirschend sogar meinem Mathe-Pauker Recht, obgleich dieser mich jahrelang vorsätzlich belog, indem er behauptete, dass ein Mensch, der sich die binomischen Formeln nicht merken kann, nicht überlebensfähig ist. Als frustrierter erfolgreich Gestrandeter beende ich diesen Artikel.

Die Gefahren beim Spaziergang

Ich werde spazieren gehen. „Aber spuck vorher den Kaugummi aus“, befiehlt meine treusorgende Frau, die sich noch lebhaft an meinen schweren Sturz in leichtem Gelände erinnert und seither weiß, dass die Fortbewegung auf zwei Beinen plus gleichzeitigem Kauen zu einer tödlichen Kombination für ältere Herrschaften werden kann.