Angeblich“, schreibt André Westphal in Caschys Blog, „soll Sony neue OLED-TVs bereits auf einem kleinen Event in Großbritannien für 2017 angekündigt haben“. Die Panels, so heißt es, stammen von LG Display. Der Öffentlichkeit präsentieren wolle man die Geräte bereits im Januar 2017 auf der CES in Las Vegas.

Hinter den Kulissen – so berichtet der Kollege weiter – zeige sich LG Electronics allerdings wenig begeistert darüber, dass Unternehmens-Tochter LG Display sozusagen im Alleingang OLED-Panels an die Konkurrenz liefere. Kann man verstehen, muss man aber nicht, da meiner Meinung nach sowieso zu befürchten steht, dass irgendwann alles das Gleiche ist.

Alleinstellungs-Merkmale fördern den Kauf-Anreiz

Gibt es eigentlich irgend einen Hersteller, der OLED-Fernseher ohne Displays von LG baut? Ist es allein aus diesem Grund nicht völlig egal, ob man sich „das Original“ von LG oder Kisten von Loewe, Metz, Panasonic, Samsung oder eben Sony in die Bude stellt, weil trotz äußerlicher Unterschiede das Innenleben uniform ist? So nach dem Motto „wir heißen alle Franz, bloß der Paul heißt Kurt“?

Langweilige Taktik. An Wirtschaftsschulen lernt man, dass Alleinstellungs-Merkmale den Kauf-Anreiz fördern. Jeder sucht nach dem, was nicht jeder hat. Dadurch entsteht Identifikation mit sowie Vertrauen zu einem Anbieter und es entwickelt sich „Markenbindung“. Hat man sich einmal für Sony, Samsung oder LG entschieden, wird das nächste Produkt, das man sich gönnt, möglichst aus dem gleichen Hause sein.

Man kennt das von Autofahrern. Einmal BMW – immer BMW. Der Mercedes-Besitzer freundet sich nur schwer mit einem Modell von Ford an, zwischen fanatischen Anhängern von VW und Opel sind gar tiefe Feindschaften entstanden. Man bleibt seinen „Farben“ treu, wie man auch seinen Lieblings-Fußballclub nicht alle paar Jahre nicht wechselt, oder? „Hold Your Colour“ sagen die Amis.

Dient Sonys „Backlight Wunderwaffe“ als Sicherheit?

Dass gerade Sony jetzt auf den OLED-Zug aufspringt, erscheint umso fragwürdiger, als es ja exakt dieses Unternehmen war, das im Jahr 2016 Ultra-HD-Flaggschiffe auf LCD-Basis vom Stapel ließ, die das Zeug hatten, der Konkurrenz das Fürchten zu lehren. Just zur rechten Zeit, als eine Art Flaute die Sturmwogen auf dem Markt glättete und sowohl bei Testern als auch Verbrauchern Einigkeit darüber vorherrschte, dass OLED-TVs die Besten der Besten sind, erhob sich Godzilla aus dem schäumenden Pazifik und präsentierte Nippons „Backlight Wunderwaffe“.

Mit seinen beiden aktuellen Innovationen „Backlight Master Drive“ und „Prozessor X1 Extreme“ hat Sony absolut ins Schwarze getroffen. Noch niemals vorher war ein TV-Bild so hell, klar und detailreich wie hier“. Das war kein markiger Spruch aus dem Prospekt, sondern die ehrliche Meinung von Roland Seibt – seineszeichens Chefredakteur des Fachmagazins „Video“.Woher rührte die Begeisterung? Was konnte der Sony Bravia, das andere nicht auch konnten?

Tiefstes Schwarz und gleißendes Sonnenlicht

„Statt nur ein paar Leuchtpunkte am Rand zu schaffen, wurden enorm viele Lämpchen direkt hinter dem Panel verbaut. Die Masse macht den Unterschied. Mit 3000 Nits strahlt Sonys Backlight zwei bis drei Mal heller als die Konkurrenz. Weil die LEDs (speziell beschichtet, schmalfrequent und deshalb teuer) nicht zu Clustern kombiniert wurden, sondern jede Einzelne exakt ansteuerbar ist, wird es möglich, beliebig winzige oder großflächige Teile des Bildes zu dimmen oder mit voller Power zu „durchstrahlen“. Tiefstes Schwarz und gleißendes Sonnenlicht koexistieren in seltener Eintracht.

Möglich macht das die Kombination mit dem 4K-HDR-Bildprozessor „X1 Extreme“, der über 40 Prozent mehr Rechenleistung als sein Vorgänger verfügt, die er für die Bildaufbereitung aus allen verfügbaren Quellen nützt. „X-tended Dynamic Range“ wurde ein Bildverbesserungs-Modul getauft, welches zusätzliche Kontrast-Optimierungen bringt – sogar bei HDR-Filmen“.

Anstatt – im übertragenen Sinne – mit so einem Monster, einem hausgemachten Godzilla, auf das eigene Pferd zu setzen und den Vorsprung weiter auszubauen, sattelt die Chef-Etage von Sony nun um und macht, was die meisten Konkurrenten tun: man schießt sich dem Mainstream an und vertraut auf OLED. Die eigene Entwicklung versteckt man als Trumpf im Ärmel, falls alle Stricke reißen. Man kennt diese „Dualität“ von LG.

Ist OLED der „legitime Plasma-Nachfolger“?

Ein Detail im Artikel von André Westphal erscheint mir besonders interessant: OLED sei in den Augen vieler Fachleute und Käufer der „legitime Plasma-Nachfolger“. Lässt sich damit die neue Marschrichtung etablieren? Ein Schritt vorwärts, zwei zurück? Ibuka Masaru und Morita Akio, die im Mai 1946 in der Präfektur Tokio die Firma Sony gründeten, würden sich im Grab umdrehen oder dem jetzigen CEO Kazuo Hirai ein paar Samurai an den Hals wünschen!

Zweifellos waren Plasma-Fernseher eine Klasse für sich. Auch wenn sie nicht ultrahoch auflösten, waren (und sind) sie „alternativlos“ für eine große Fangemeinde. Warum man sie dann nicht einfach weiterhin baut? Weil es Stromfresser sind! Politisch unkorrekt! Gewiss gibt es mehr Leute wie mich, die das keinesfalls stört und die dennoch keine gewissenlosen Umweltsünder sind, denen der Klima-Schutz am Allerwertesten vorbei geht. Erstens hockt man ja schließlich nicht den ganzen Tag vor der Glotze und gönnt sich, zweitens, im Fall des Falles lediglich ein paar Watt mehr.

Die üblichen Verdächtigen und die jungen Wilden

So wie man sich eventuell ein etwas „überdimensioniertes“ Auto zulegt, wenn man auf ein paar in der Grundausstattung fehlende Extras nicht verzichten will. Großzügig dimensionierte Plasma-TVs hatten einen enormen Vorteil im Winter. Sie reduzierten die Heizkosten, weil die Displays den Job gleich mit übernahmen. Wie immer der Kampf an der OLED-Front auch verlaufen mag: das Salz in der Suppe, das „gewisse Etwas“, wird fehlen. Vielleicht sind es irgendwann ausgerechnet die „jungen Wilden“ aus dem Reich der Mitte, die den gleichgeschaltet und kampfesmüde wirkenden etablierten Herstellern Pfeffer in den Hintern blasen. Der Verbraucher würde gewiss profitieren, wenn nicht immer nur die üblichen Verdächtigen den Markt unter sich aufteilen könnten, sondern sich ordentlich in die Riemen legen müssten, um ihre Pfründe zu sichern.