Dicke Luft! Ich habe nicht sofort reagiert, als meine Frau mir einen Auftrag erteilte. „Seit ewig“ wünscht sie sich angeblich schon „so einen kleinen, putzigen Fernseher für die Küche“. Die Amerikaner sind schuld. Es gibt nahezu keinen Spielfilm und erstrecht keine Serie, in der nicht Küchen gezeigt werden, in denen ein TV-Gerät läuft.

In meiner Garage wäre ich beinahe vom plötzlichen Herztod dahin gerafft worden, nachdem sich das mir angetraute Weib hinterhältig anschlich und dann nur das Codewort „Küchen-Fernseher“ brüllte. Es wurde mir nicht mehr gestattet, einen Fuß in die Wohnung zu setzen, um mich umzuziehen – also düste ich in der uralten Jeans mit der lustigen Mischung aus Gras- und Ölflecken zwischen Löchern und Rissen und meinem ebenfalls nicht gerade neuen Lieblings-Totenkopf-T-Shirt los zum großen Elektronik-Markt.

Tragische Begegnung mit der Unschuld vom Lande

Ich merkte schnell, dass man mich mied. Das Volk hielt Abstand, beäugte mich argwöhnisch und verduftete blitzartig. So stand ich bald mutterseelenallein vor einer großen Wand mit lauter kleinen, hochauflösenden Fernsehern und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. „Größer als 40 Zoll geht nicht“ – dieses Mantra hämmerte in meinem Kopf, als „Sie“ eintraf.

Oder „Es“? Ein junges, pummeliges Mädel mit lieblichem Gesicht und strahlend blauen, ehrlichen Augen. Die Unschuld vom Lande – dachte ich. Ich wollte gerade fragen, was ich für sie tun kann, da richtete sie das Wort an mich:

„Guten Tag, Väterchen! Bin ich die Ilona und will ich dir helfen, wenn magst du. Magst du?“

Oha! Der Russe! Mein altes Kriegsleiden, geboren in meiner Bundeswehr-Zeit Anfang der 1980er Jahre, als ich zur Abschreckung des Feindes recht nah an der Grenze zum „Reich des Bösen“ eingesetzt wurde, meldete sich zurück. Damals, als das Wettrüsten im Kalten Krieg mit der Stationierung von Mittelstrecken-Raketen einen Höhepunkt fand, hatte man uns eingebläut, alles „Bäh“ zu finden, was mit dem Ostblock zu tun hatte.

Heim statt Haus reicht für Vorurteile aus

„Oh Danke, sehr nett, aber nicht nötig, ich will nur mal schauen, ob…“

„Brauchst du Färnsäh fier gutes Stiebchen? Habe ich gemärkt schon längst. Ist diese (Blick zum Regal) aber viel zu klein fier große Mann wie du. Hab ich bässerä, na komm“.

Sie lockte mich mit dem Finger wie die böse Hexe Hänsel und Gretel.

„Herzlichen Dank für ihre Mühe, aber in unserem Heim…“

Ich Idiot! Wieso sage ich „Heim“ statt „Haus“? Wollte ich Ilona mit Lyrik imponieren? Manchmal bin ich so ein Vollpfosten! Hoffentlich hat sie das nicht falsch verstanden. Aber auf das Frauenzimmer war Verlass.

„Oh. Mir leid tut. Bist du in Heim und hast du bähse Pfleger wo piesacken dir? Wollen dir schreiben vor was gänähmigän sie? Na warte! Werde ich mitgähn mit dir und diese Halunken sagän, was ist los ist! Sind wir hier gefälligst in Deitschland und nicht in Wiste!“

Wiste? Ach so: Wüste meint sie. Drollig irgendwie.

„Nein, nein. Habe ich, Quatsch: ich habe keine Pfleger, nur meine Frau…“

Vorstand des Moped-Clubs „The Lost Boys“ greift durch

„Ah! Hast du Frau? Schieß mich tot – hätte ich geglaubt nicht um die Verrecken, dass Tiep (Typ) wie du hat Frau. Ist krank? Du musst pflägen? Na dann Ilona weiß schon, warum kommst du daher wie Penner oder Sammler von die Lumpen“.

„Stop!“ Ich richtete mich so gerade wie möglich auf, um dieser rotzfrechen Göre mal ordentlich die Meinung zu geigen.

„Ich bin kein Lumpensammler, sondern Vorstand des Moped-Clubs „The Lost Boys“ und demzufolge ein ehrenwertes, hoch geachtetes Mitglied der vornehmen Gesellschaft. Erst gestern gratulierte ich unserem Club-Urgestein Doppel-Dieter zu seinem 60. Geburtstag und überreichte ein prachtvolles Präsent im Namen der gesamten Vorstandschaft sowie des Bienenzuchtvereins…“

„Verzeihst du mir, bittäschän, dass habe ich dich falsch missverstanden? Bist du natierlich wärtvolle Figur mit gesellschaftliche Glied und – wie heißt? – Charakter. Ilona sofort hat gemärkt das und hat gräßtä Respekt vor ehrliche Opfer von die Alters-Armut“.

„Alters-Armut? Wie kommen Sie darauf, dass…“

„Hab gleich erkannt ich an die Aufzug mit die zerrupfte Hose und die greiselige Ti-Schärt (T-Shirt) wo verschimmelst du drin, Väterchen“.

Typisch Russe! Reichst du ihm den kleinen Finger, schnappt er gleich die ganze Hand. Unser Bundeswehr-Hauptmann hatte vollkommen recht: ohne Kalaschnikow sind diese Leute doppelt verdächtig.

„So einen, hüstel, „Aufzug“, gnädiges Fräulein, nennt man in Deutschland A-R-B-E-I-T-S-K-L-E-I-D-U-N-G und trägt ihn, nein: sie, mit Stolz“.

Der Versuch, das Volk auf meine Seite zu ziehen

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ein bisschen laut geworden war. Ein kleines Häufchen Kunden war stehen geblieben und verfolgte aufmerksam den hitzigen Dialog zwischen Ilona und mir. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um meinen besudelten Ruf wieder rein zu waschen, wandte mich mit einladend weit geöffneten Armten der Öffentlichkeit zu und sprach wie folgt:

„Genossinnen und Genossen. Kameradinnen und Kameraden. Brüderinnen und Brüder. An meinem vorbildlich schlechten Beispiel zeigt sich, wie bescheiden und schlicht der Deutsche auftritt, selbst wenn er die ausgebeulten Taschen seines löchrigen Gewandes voll Geld gestopft hat. Mögen sich Repräsentantinnen und, ähm, Tanten anderer Völkerstämme (scharfer Blick zu Ilona) daran gewöhnen, dass der wahre Gentleman den schlichten Lebensstil bevorzugt, alldieweil gerade „der Russe“ sich aufführt wie die Sau auf dem Sofa, sobald er in deutschen Naherholungsgebieten wie zum Beispiel Mallorca eingefallen ist und ein wenig mehr Rubel als üblich in der Tasche hat, also, dass er dann…“

Keiner mehr da. Die Versammlung hatte sich aufgelöst. Meine anklagenden Worte der Wahrheit verhallten schaurig in langen Gängen. Ilona jedoch ließ mich keine Zehntelsekunde aus den Augen, sondern blickte mich verheißungsvoll an, was in mir zunächst einen starken Juckreiz auslöste und anschließend meine Ohren feurig rot glühen ließ.

„So so. Hast du viel Geld, Väterchen? Kommst du mit Ilona, zeigt sie dir, wie man verschwendet es lustvoll, vernienftig und kostengienstig“.

Puzzle im Oberstübchen setzt sich wieder zusammen

Ich tappte der Verruchten nach wie ein kleiner Hund, erinnere mich nur noch an ein großes Poster von ihr, unter dem der Slogan „Verkäuferin des Monats“ prangte und fand mich irgendwann vor unserer eigenen Haustür wieder. Als meine liebe, treue, wunderbare Gattin öffnete, setzte sich das Puzzle im Oberstübchen wieder zusammen. Küchen-Fernseher, Elektronik-Markt, Ilona – um Gottes Willen!

Das schlechte Gewissen packte mich, schüttelte mich ordentlich durch. Was hatte ich nur getan? Wie konnte das nur passieren? Wie, zum Teufel, soll ich einen 85-Zöller in der Küche unterbringen? Und wann wird eigentlich dieser blöde Bausparvertrag endlich fällig? Ein dunkles Zeitalter bahnt sich an. Schuld ist – wie immer – „der Russe“!

Oder eigentlich „der Amerikaner“ – denn der hat ja schließlich mit diesen blöden Küchen-Fernsehern angefangen und seinen europäischen Verbündeten damit eine schwer verdauliche Suppe eingebrockt, die sie nun tapfer auslöffeln und teuer bezahlen müssen. Darüber soll Donald der Trampel mal nachdenken, bevor er von den Deutschen mehr Geld für die Verteidigung abknöpfen will! Ein Kompromiss, über den nachzudenken sich durchaus lohnen könnte, wäre, zukünftig gänzlich auf Kriegseinsätze zu verzichten und stattdessen Küchen aller Nato-Länder mit Fernsehern vollzustopfen.