Ein guter Freund von mir ist Arzt, aber auch Klassik-Fan durch und durch. In einem Punkt, der nur ganz grob ein riesiges medizinisches Fachgebiet umreisst, kamen wir nie auf einen Nenner. Der Freund behauptete, dass billige Gerätschaften völlig genügen, um HiFi zu genießen.

Sein Totschlag-Argument, das er jeweils zu Beginn einer Diskussion vom Stapel ließ, lautete, dass die „Hörschwelle“ des Homo sapiens zwischen den Punkten der tiefsten hörbaren Frequenz von 20 Hertz und der höchsten hörbaren Frequenz von maximal 20 Kilohertz liegt.

Lieber Maul halten als dem Meister Widerworte geben!

Früher gab es die DIN (Deutsche Industrienorm) 45500, derzufolge sämtliche Gerätschaften, die diesen Frequenzgang gerade noch wiedergeben konnten, mit dem Gütesiegel „Hi-Fi“ bedacht wurden. Da ich mir niemals anmaßte, einem ausgewachsenen Doktor zu widersprechen, kam es zu keiner Zeit zu Wortgefechten, denn ich hielt – auf gut Deutsch gesagt – lieber mein Maul. Pardon.

Aber jedes Mal, wenn mein Kumpel mit seinem klapprigen „Kopfhörer“ auf der Birne und dem winzigen MP3-Player um den Hals daher kam und in himmlischer Verzückung von göttlicher Musik in überirdischer Qualität schwärmte, kam ich nicht umhin, zu kichern – was ihn natürlich wurmte.

Die Vernichtung von Billig-Equimpent und die segens- und lehrreichen Folgen

Wieso ich eingestehe, dass ich ein Duckmäuser und Pharisäer bin? Weil es mir auf nahezu grandiose Art und Weise gelang, den siebengescheiten Weißkittel vom Gegenteil seiner eigenen Meinung zu überzeugen und weil ich ihn dazu brachte, seinen fatalen Irrtum sogar öffentlich – also in leibhaftiger Anwesenheit seiner Frau, die ebenfalls einen Doktortitel trägt – einzugestehen!

Leset und staunet: Es begab sich zu jener Zeit, dass mein Kamerad mich dauerte, nachdem er sich mit solch klassischem Elan auf sein Sofa plumpsen ließ, dass seine dort befindliche, räusper: HiFi-Anlage, Totalschaden erlitt. In diesen Tagen war der Siegeszug von Hi-Res Audio so populär, dass sogar der ewige Ignorant etwas vom dem Trubel mitbekommen hatte und wie folgt zu mir sprach:

Strikte Anweisung, einen alten Geizkragen um einen Batzen Geld zu erleichtern

„Du behauptest doch, dass du was von dem modernen Zeugs da verstehst. Also mein Player und mein Kopfhörer sind zerbröselt und da könntest du doch vielleicht gefälligst so nett und mir bei der Neuanschaffung des Nötigsten behilflich sein“.

Innerlich tanzte ich vor Freude, nach außen blieb ich cool wie der Terminator. Ich knurrte „I´ll be back!“, verabschiedete mich und nahm noch die Anweisung von Frau Doktor mit auf den Weg, unbedingt „etwas Gescheites“ zu kaufen, selbst wenn ihr alter Zausel, dieser Geizkragen, Herzrasen und Bluthochdruck kriegt.

Ein HiFi-Fundamentalist auf seinem glorreichen Feldzug

Ich zog beruhigt in die Schlacht, denn mir war klar, dass sich endlich die Chance bot, einen Ungläubigen zu bekehren und auf den rechten Weg zu führen. Ich gestehe es ein: in dieser Hinsicht bin ich ein HiFi-Fundamentalist.

Damals war passenderweise eine neue Generation von Hi-Res Digital Audioplayern auf den Markt gekommen. Onkyo und Pioneer schickten sich an, neue Märkte zu erobern, man freute sich über große Resonanz und starkes Interesse an sehr edel gefertigten und üppig ausgestatteten Geräten, die eine neue Epoche des „tragbaren Musikgenusses“ einläuteten.

Die wundersame Wandlung eines sturen Grantlers

Da günstigerweise das Weihnachtsfest vor der Tür stand, erteilte mir die wesentlich bessere Hälfte des knurrigen Besserwissers die Erlaubnis, knapp 1500 Euro auf den Kopf zu hauen, die ich in den – günstigeren – knapp tausend Euro teuren Onkyo-Player sowie einen akustisch dezent auf „klassische Hörgewohnheiten“ zugeschnittenen Kopfhörer von AKG investierte.

Seitdem das markante Fest der Feste vorüber ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Der alte Grantler zeigt sich stets verzückt und verfällt kurz nach dem Aufsetzen des bequemen, bestens gepolsterten Kopfhörers und dem Einschalten seiner ambulanten Apparatur in eine selige Mimik, wegen der er in Medizinerkreisen spaßeshalber schon des Öfteren als „leicht schwachsinnig“ eingestuft wurde.

Plötzlich hörbare Details jenseits der attestierten medizinischen Grenzen

Er jubelt pausenlos, weil sich selbst seine ältesten CDs, die der brave Sohn in FLAC-Dateien umgewandelt hat, „völlig anders“ anhören. Obgleich er zähneknirschend zugeben muss, dass es – wie ich ihm erläuterte – dem Menschen nur möglich ist, ein Frequenzspektrum von 20 Hertz bis 20000 Kilohertz akustisch wahrzunehmen, schwört er Stein und Gichtbein, niemals zuvor vernommene Details „heraus zu hören“.

Erst war es das Nachklingen von Saiten, das ihn zum Staunen brachte, mittlerweile schließt er mit seinen verstaubten E-Musik-Fans Wetten ab, dass er die Positionen sämtlicher Musiker eines Sinfonie-Orchesters orten und aufzeichnen kann.

Die negativen Auswirkungen von Hi-Res Audio auf Wartezimmer

Er ist dermaßen hin und weg, dass er sich am liebsten den ganzen Tag lang in einen Kokon aus Wagners Walküren, Beethovens Klavierkonzerten oder Mozarts einmaligen Klang-Konstruktionen hüllt. Ich wurde von ihm ausgesucht höflich darum gebeten, doch für den Warteraum seiner Praxis „eine kleine, aber feine“ Anlage zu besorgen – was ich natürlich gerne und ohne böse Absicht tat.

Weil aber das zierliche Ding Hi-Res Audio mittels eines DAB+ Tuners zu verbreiten in der Lage ist, wurde ich vom „Freund“ gezwungen, ausschließlich „Klassik Radio“ zu programmieren und „das ganze andere Gedudel“ aus dem Speicher zu verbannen. Und zwar „schnell und diskret“.

Persönliche Bestrafung eines Unschuldigen, der es nur gut meinte

Der Doc ist wieder ganz der Alte – fühlt sich jung und schwebt förmlich von Behandlungszimmer zu Behandlungszimmer. Die Patienten neigen zu Unruhe, Widerstand und Aufruhr. Sie lamentieren in der großen Mehrzahl lautstark wegen „unerträglichem Gezupfe und Gefiedel“ sowie „Schmerz verursachendem Opern-Gejaule“.

Ich bin der Lackierte, da sich das gesamte Praxisteam (drei entzückende Mädels) gegen mich verschwor. Denn ICH war es ihrer Auffassung nach natürlich, der „Bayern 1“ und „Antenne Bayern“ absichtlich terminierte. Viel lieber als „Servus Udo“ sagt man jetzt „Hasta la Vista“ zu mir – das „…Baby“ lässt man mutwillig weg und ersetzt es durch „…alter Depp“.