Sehr geehrte Leserinnen und Leser! Es folgt nun – beinahe live – ein Hörbericht aus dem Studio 1 des HiFi-Forums Baiersdorf. Wieso fällt mir jetzt das Gedicht „Der Zauberlehrling“ von Goethe ein? Ihr wisst schon: „Hat der alte Hexenmeister/Sich doch einmal wegbegeben!/ Und nun sollen seine Geister /Auch nach meinem Willen leben“.

Der alte Hexenmeister heißt mit bürgerlichem Namen Heiko Neundörfer und ist Inhaber des renommierten HiFi-Forums Baiersdorf. Wegbegeben hat er sich, weil ihm dünkt, dass er Aufbauarbeiten in Studio 3 kritisieren muss (siehe Bericht) und die Geister, die zwischenzeitlich nach meinem Willen leben sollen, sind die nagelneuen Bowers&Wilkins-Standboxen 702 S2.

Schmal und zierlich

Schwarz glänzend stehen sie im Raum. Vornehm und zierlich wirken sie. Einschließlich dem exponierten Hochtöner und dem Sockel sind sie nur 1087 Millimeter hoch und mit einer Gehäusebreite von 200 Millimetern super schlank. Ich zitiere die beste aller Ehefrauen vor mein geistiges Auge und sehe sie gütig nicken:

„Ja“, sagt sie. „So darf oder muss ein Lautsprecher aussehen. Diese riesigen klotzigen Dinger kommen mir jedenfalls nicht ins Haus“. Am „Wahrzeichen“ von B&W, dem Carbon-Dome Hochtöner mit seiner 25-Millimeter Karbon-Membran, nimmt sie bestimmt keinen Anstoß, ebenso wenig am Sockel – alles wirkt wie aus einem Guss.

Silber statt gelb

„Irgendwie anders“ sieht die 700er-Serie der Briten aber doch aus, oder? Ich hab´s: die Membranen der Mitteltöner sind nicht mehr gelb, sondern schimmern jetzt silbern und weisen eine kräftige Wabenstruktur auf. What happened? Der 150-Millimeter-Continuum-Mitteltöner glänzt im wahrsten Sinne des Wortes mit einer extrem reißfesten Membran und hoher innerer Dämpfung.

Die drei schwarzen, 165 Millimeter großen Gesellen, die unter ihm werkeln, kümmern sich in einer maßgeschneiderten Variante des Aerofoil-Profil-Tieftöners um tonale Niederungen bis maximal 45 Hertz. Bereits auf dem Papier zeichnet sich ab, dass es ganz schön tief in den Keller geht, während der Hochtöner bis 28 kHz tiriliert und somit selbst Hi-Res-Signale sicher „verwandelt“.

Harry macht den Anfang

Angst, dass unsere Enkelchen die B&W-Boxen im Übermut einfach mal umschmeissen, um sich danach am Tobsuchtsanfall der Oma zu ergötzen, bräuchten wir auch nicht haben. Pro Stück bringen sie 29,5 Kilogramm auf die Waage. Die Boxen natürlich – nicht die Enkelkinder!

Der Aufbau im Studio 1. Der Center spielte nicht mit.

An dieser Stelle hurtig zurück ins Studio 1, Tür von innen zu und auf zum Hörtest. Eine CD von Harry Belafonte gleitet in den Schacht des Rotel-Players. Aufgenommen im Jahr 1960, setzte „Belafonte Returns To Carnegie Hall“ Maßstäbe in Sachen Aufnahmequalität und Authentizität. Anders gesagt: die Scheibe hört sich an, wie sich ein Live-Mitschnitt anhören muss.

Vereinzeltes Räuspern im Saal

Schließt man die Augen, wähnt man sich in einer akustisch perfekten Halle, in der man in der ersten Reihe sitzt und die Position einzelner Musiker auf einer weiträumigen Bühne mühelos verorten kann. Belafonte singt solo oder gemeinsam mit Miriam Makeba, Odetta, dem Chad Mitchell Trio und den Belafonte Folk Singers, erzählt witzige Bonmots oder blödelt ganz spontan mit dem Publikum.

Die Bowers&Wilkins 702 S2 reproduzieren feinfühlig selbst kleinste Nuancen wie vereinzeltes Räuspern im Saal und musizieren dermaßen geschlossen und lückenlos, dass der in der Mitte angebrachte Center mehrmals in Verdacht gerät, heimlich mitzumischen.

Absolut keine Tricks

Aber nicht mit mir! Öfters schleiche ich mich ganz unauffällig an die Anlage heran und überzeuge mich dann blitzartig davon, dass lediglich zwei Standboxen ohne jedwede Tricks oder voreingestellte Modi am Verstärker Raumklang vom Feinsten erzeugen.

Das Klangbild ist überaus transparent, die Musik gleitet sozusagen seidig in die Gehörgänge. Wenn man Vergleiche mit dem Durstlöscher Nummer Eins, nämlich Wasser, anstellen will, ergibt sich zumindest in meinem kranken Schädel folgende Parallele: Ein kräftiger Schluck Leitungswasser stillt den Hunger nach Durst auf eine Weise, die dem alltäglichen Gedudel, das uns umgibt, sehr ähnlich ist.

Kohlensäure als Vergleichsfaktor

Nicht unangenehm, aber auch nicht auffällig. Wer gerne Hardrock, Metal oder Rock hört, tendiert in meinem nicht gerade hochwissenschaftlichen Beispiel zu Mineralwasser mit ordentlich Kohlensäure. Plakativ, laut, direkt auf die Magengrube abzielend.

Der geübte Hörer, der sich allein mit Radau höchstens verjagen lässt, greift deshalb zu leicht „gesprudeltem“ Medium-Mineralwasser und outet sich somit als akustischer Gourmet, der bei der Auswahl seines Equipments ebenso kritisch wie wählerisch ist. Boxen für ihn gibt es nicht von der Stange.

Feinperliges Pellegrino-Wasser

Nach einer ausgiebigen „Sitzung“ vor der B&W 702 mit imposanten Ausflügen in die Klassik (Vivaldi) und den Prog-Rock (Nightwish) fühlte ich mich wie jemand, der das Beste aus zwei Welten vereint weiß und sozusagen ganz feinperliges San Pellegrino-Wasser genießt. Leicht salzig, mit lebhaften Bläschen und voller Mineralität.

Die Box wird meiner Ansicht nach im großen und ganzen den hohen Vorstellungen audiophiler Feinschmecker gerecht. Sie steckt Verstärker-Leistungen von 30 bis 300 Watt (an 8 Ohm) locker weg und eignet sich natürlich auch für das Heimkino.

Anspruchsvolle Künstlerin

Alles an ihr scheint fein strukturiert, manchmal fast fragil. Eine anspruchsvolle Künstlerin, die mit Respekt behandelt werden will und für grobe Volume-Attacken von Metallica oder Motörhead eher wenig übrig hat. Dafür „bedankt“ sie sich beim Besitzer mit allzeit high-fidelem Klang im festlichen Outfit.

Wenn man bedenkt, was die „großen“ Serien von B&W kosten, ist sie mit einem Paarpreis von 3998 Euro gewissermaßen ein Schnäppchen. Und Frauen mögen sie auch. Fazit: wenn einem so viel Gutes widerfährt, ist das den Titel „Ultra-HDTV-Champion“ wert!