Also wenn sich jetzt sogar zeit.de mit dem Phänomen „abhörender“ Smart-TVs beschäftigt (siehe auch Artikel „Gründlich überlegt“), muss was dran sein an diesem Getuschel, welches da besagt, dass die NSA oder andere Ganoven selbst unsere „Wohnzimmer-Altäre“ zum Bespitzeln nutzen.

So nach dem Motto: was der Computer nicht rauskriegt, soll die Glotze liefern. Ich würde leugnen, wenn ich mich seit dem Aufkommen des Themas nicht irgendwie „beobachteter“ fühlen würde. Wie oft krache ich nach des Tages Last und Mühen erschöpft in irgendein heimisches Sitzmöbel und deute mit der Fernbedienung zielsicher in Richtung Display, um mich bespaßen zu lassen?

Angst vor dem „anderen Ende“

Jetzt schießt mir in jenen Momenten immer der Gedanke durch den Kopf, dass da irgendwo „am anderen Ende“ ein Spitzel herumlungern könnte, der sich via eingebauter Kamera voll auf mein Tun konzentriert – und schon sitze ich kerzengerade und grinse dümmlich, damit man Gutes von mir hält.

Neulich röhrte ich auch nicht mehr wie ein brunftiger Elch „Huuunger!“ in Richtung Küche, sondern gab folgenden Satz von mir, über den ich nachträglich selbst nicht schlecht erschrecke: „Allerliebste Gemahlin! Wie war dein Tag? Auch so vollkommen wie der meine? Ich habe alles zur vollsten Zufriedenheit all meiner Mitmenschen erledigt und verspüre nun ein wenig Appetit. Wärst du so bezaubernd nett und würdest mir ein bescheidenes Mahl zubereiten, du beste aller Ehefrauen?“

Totenblasse bessere Hälfte

Im nächsten Moment stand meine bessere Hälfte totenblass vor mir – sie war furchtbar geschockt. „Geht´s dir gut? Welches Datum haben wir heute? Was hast du mittags zu dir genommen? Ist dir übel? Schmerzen in der Herzgegend? Ein Taubheitsgefühl im linken Arm? Wieviel ist 14 mal 32?“

Da ich mir fest einbildete, dass der verfluchte Fernseher alles aufzeichnet, reagierte ich alles andere als abweisend und barsch. „Oh ja, meine Beste. Mir geht es gut. Mich dünkt, es könnte der 8. April 2017 sein. Mittags labte ich mich an einem Handwerker-Knoppers. Du weißt schon: Leberkäse-Semmel. Und Nein: mir ist nicht übel. Ich verspüre keinerlei Schmerz. Mein linker Arm ist empfindlicher als mein lädiertes rechtes Knie. Wie viel 14 mal 32 ist kann ich dir ohne Taschenrechner beim besten Willen nicht sagen“.

Sprich kein Wort mehr!

„Da haben wir es schon. Leg dich hin. Ich rufe den Notarzt!“

Es gelang mir, meine Frau dazu zu bewegen, sich mit ihrem Ohr meinem Mund zu nähern und ich flüstere: „Sprich kein Wort mehr! Wir werden abgehört und gefilmt!“ Dabei zeige ich auf den Flatscreen und rollte gefährlich mit den Augen. Das zeitigte Wirkung.

„Alter Depp! Ich hab mir jetzt wirklich Sorgen gemacht. Findest du das lustig?“

Man versteht mich nicht

Typisch. Man zweifelte an der Wahrhaftigkeit meiner Worte. Ich schmollte. Und analysierte. Was könnte die NSA oder andere Halunken dazu bewegen, mich und andere Otto Normalverbraucher vor der Glotze zu observieren? Ich meine: was soll dabei rauskommen? Wo liegt der Erkenntnis-Gewinn?

In der Regel ist es doch so, dass man sich auf eine Sendung/einen Beitrag/einen Film konzentriert und in dieser Phase wenig von sich gibt. Mir leuchtete nicht ein, was hochbezahlte Spezialisten von Aufnahmen sich räkelnder, gähnender, herzhaft lachender, nachdenklich grübelnder, überraschter, amüsierter, angeekelter, nasenbohrender, Chips vertilgender oder sich „fremdschämender“ TV-Konsumenten haben könnten? Ich fühlte mich wie ein guter Architekt: mir fiel nichts ein.

Ein Abgrund tut sich auf

Dann – in einem Sekundenbruchteil – offenbarte sich vor meinem geistigen Auge die Lösung des Rätsels! Es geht um emotional aufwühlende Sendungen! Wie reagiert der deutsche Michel, wenn er mit Politik, mit Meinung, mit klaren Aussagen, verschwurbelten Thesen, nackten Tatsachen konfrontiert wird? Ein Abgrund tat sich auf.

Zunächst klaffte er weder, noch gähnte er. Aber er war da. Ich dachte an Fußball-Abende vor dem Fernseher mit meinen Kumpels. Das immer gleiche Drama mit Leo und Giovanni, wenn ein „falscher“ Spieler ein Tor schießt. Infernalisches Gebrüll, wilde, heftige Flüche, Verwünschungen, Grimassen, Tränen, Schreie.

Da der Missetäter nicht greifbar ist, entlädt sich der Zorn in das unmittelbare Umfeld. Mehrmals musste ich mich stark zurückhalten, um Giovanni nicht mit einem rechten Haken oder einer linken Geraden dafür zu strafen, dass er meinen armen, brav unter der Couch liegenden Hund zur Schnecke machte.

Tatü-Tata und ab in die Klapse

Und erst Leo mit seiner ausgeprägten Fallsucht! Ein Tor fällt, er reißt die Hände hoch, kippt wegen seines ungünstigen Körperschwerpunkts nach hinten vom Hocker und muss dann umständlich wieder hoch gehievt werden, wobei er ständig jammert und schimpft! Etwas anderes als einen Hocker erkennt er indes nicht als Sitzgelegenheit an.

Sollten das einmal „die falschen“ Leute sehen, dauert es mit Sicherheit nicht lange, bis ein Rettungswagen mit Tatü-Tata anbraust, kräftige, weiß gewandete Männer aussteigen und sich „bedürftiger“ Tobsüchtiger annehmen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das wäre, wenn ich den Frauen meiner Freunde beibiegen müsste, dass ihre Göttergatten sediert in der Klapsmühle liegen…

Mein eigenes Fehlverhalten

Ein plötzlicher Schweißausbruch rief mir allerdings auch in Erinnerung, wie ich mich selbst gebäre, wenn in Talk-Shows über aktuelle Katastrophen geredet oder Missstände angeprangert werden. Ogottogott! Wie oft habe ich „die ganze Politiker-Bagage“ schon verwünscht, wie viele Male ihre sofortige lebenslängliche Unterbringung in miserabel ausgestatteten Gefängnissen orientalischen Zuschnitts gefordert?

Freilich auf verlorenem Posten vor der Mattscheibe, habe ich hochrangige Staatenlenker mit vor Wut entstellter Visage angebrüllt und sie angewiesen, endlich „das schäbige Lügenmaul zu halten“, „zum Teufel zu gehen“, „sich Dümmere zu suchen“, die ihnen ihre endlosen Ausreden und Beschwichtigungen glauben. Sowieso bin ich seit Jahren überzeugter Nichtwähler, weil ich mich zwischen den Angeboten Aids, Pest, Cholera und Typhus nicht entscheiden mag.

Der Werwolf in mir

Werde ich dann noch mit Meldungen konfrontiert, denen zufolge Kinderschänder wegen guter Führung bis zum nächsten Mal ihre Freiheit genießen dürfen, spüre ich förmlich, wie mir Reißzähne und ein dichtes Fell wachsen und erdulde es knurrend, bei Vollmond angekettet zu werden.

Exakt da liegt der Werwolf begraben – so muss es sein! Wüteriche wie meine Kumpels und ich werden überwacht, aufgezeichnet und in späteren Verhören mit nicht zu leugnendem Videomaterial konfrontiert. Was ist zu tun? Nur noch mit Sturmhauben stumm schwitzend und sich maßlos ärgernd vor dem Fernseher sitzen? Den Smart-TV verhökern und sich nach guten alten Röhrengeräten umsehen? Quatsch!

Falsch sein wie die Diplomaten

LAN-Kabel raus, Verbindung zum Internet kappen, auf Netflix, Amazon, Maxdome und Sky verzichten? Keine verlockende Vorstellung. Besinnen wir uns auf die feinen Diplomaten. Setzen wir bei TV-Sitzungen unser Poker-Face auf, üben uns darin, uns nicht zu echauffieren, zügeln unser Temperament und flippen erst aus, wenn die Sendung vorbei und wir den „Spion“ nicht nur auf Standby geschaltet, sondern komplett vom Netz getrennt haben.

Spart Strom – und Nerven. Verhilft uns zu mehr Energie beim nachträglichen Toben und zu besseren Manieren in unerwünschter Gesellschaft. Scheiß-Technik!